Freitag, 4. Januar 2008

WELEDA* und die Finanzierung der Anthroposophie

Was haben diese beiden Themen miteinander zu tun? Werden Sie sich vielleicht fragen.

Sehr viel!

Rudolf Steiner hat die WELEDA Kosmetiksparte gegründet, damit sie als Botschafter für die Anthroposophie diene und Geld für die Anthroposophie verdiene.

Wenn Sie Mitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft oder sonstwie in die Kartei gekommen sind, bekommen Sie ja auch kurz vor Weihnachten den jährlich leicht variierenden, aber doch immer gleichen Bettelbrief vom Goetheanum. Dafür, dass dies nicht so sein muss, sollte eigentlich die WELEDA mit ihren Erträgen sorgen. Aber dafür reicht es ja leider nicht.

Ich möchte hier meinen Redebeitrag zu diesem Thema von der Mitgliederversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach im Frühjahr 2003 wiedergeben - Thema war die Finanzierung und der Rechenschaftsbericht des Schatzmeisters:

Sehr geehrte Damen und Herren des Vorstandes, liebe Mitglieder

ich möchte Sie im Zusammenhang mit den ungelösten Finanzierungsproblemen der Anthroposphischen Gesellschaft auf eine zum Schaden aller Beteiligten lange Zeit sträflich vernachlässigte Finanzierungsquelle hinweisen.

Wie Sie vielleicht nicht alle wissen, besitzt die Anthroposophische Gesellschaft - und damit indirekt auch wir, die Mitglieder - über 30 % der Aktien der WELEDA AG.

WELEDA wurde vor 80 Jahren gegründet und ist damit eine der ältesten Firmen im Bereich Naturkosmetik und -medizin.
Rudolf Steiner hat der WELEDA mit der Kosmetikproduktion die Aufgabe gegeben, einerseits als Botschafter für die Anthroposophie zu dienen, andererseits aber auch Geld zu verdienen. Dies ging sogar so weit, dass auf Steiners Anweisung hin die Eurythmistinnen Haarpflegemittel ausprobieren mussten, um vom Erlös einer etwaigen Produktion die Eurythmie zu finanzieren.

2001 - das sind die letzten Zahlen, die mir vorliegen - nach 80 Jahren Tätigkeit in einem der am stärksten wachsenden Märkte, nämlich Wellness und Gesundheit, erwirtschaftete die WELEDA ganze 625 000 Schweizer Franken Dividende bei einem Umsatz von ca. 200 Mio. Franken, d.h. für die Anthroposophische Gesellschaft sind dies etwas mehr als 150 000 Schweizer Franken, da ein Teil als Ausschüttung an nicht stimmberechtigte Partizipationsscheine geht.

In der Wirtschaft ist es immer sinnvoll, ein so genanntes Benchmarking zu machen, also ein Vergleich mit einer Firma im ähnlichen Sektor, um die Performance einer Firma zu beurteilen. Die meisten von Ihnen kennen die Firma Body Shop. Body Shop wurde vor 26 Jahren in einer südenglischen Garage gegründet und stellt Kosmetika her nach den Prinzipien „Natürlich“, „Ökologisch“, „Ohne Tierversuche“, „Sozial“, engagiert sich mit Umwelt- und Menschenrechtspreisen etc., also durchaus vergleichbar mit WELEDA. Heute hat Body Shop knapp 2‘000 Geschäfte in über 100 Ländern der Erde, hauptsächlich durch zufriedene Franchisenehmer, die sich intensiv mit der Philosophie der Firma auseinandersetzen und einen Grossteil der gebildeten und einflussreichen Bevölkerung dieses Planeten erreichen, und steht auf Rang 27 der am meisten respektierten Firmen der Erde. Body Shop erwirtschaftete 2001 bei einem Umsatz von ca. 920 Mio. Schweizer Franken eine Dividendenausschüttung von ca. 27 Mio. Schweizer Franken.

Sie mögen sich jetzt fragen: Woran liegt es, das WELEDA nicht Marktführer ist? Woran liegt es, dass WELEDA nur so magere Gewinne abliefert? Woran liegt es, dass außerhalb Deutschlands und der Schweiz WELEDA weitgehend unbekannt ist?

Es liegt einfach daran, dass das Management dieser Firma - und ich wiederhole: Sie alle im Saal anwesenden sind Miteigentümer dieser Firma und damit auch mit verantwortlich - dass dieses Management die Firma in keinster Weise im Griff hat, dass es entscheidungsunfähig ist, dass seit Jahrzehnten überkommene, unzeitgemäße Strukturen festgefahren sind, dass die Sozialstruktur der Firma aus den Gründungszeiten zu stammen scheint, dass Innovationen und Marktchancen verschlafen und Mitarbeiter unfair behandelt werden, und vieles mehr.

Ich möchte noch einen Gedanken mit Ihnen zusammen denken:
Stellen Sie sich einmal vor, dass es in über 100 Ländern der Erde 2‘000 WELEDA-Shops gäbe, in denen die Menschen unverbindlich und kostenlos die anthroposophische Philosophie, Waldorfpädagogik, biologisch-dynamische Landwirtschaft und alle weiteren, Ihnen bestens bekannten, bis jetzt weitgehend ungenutzten Erkenntnisse und Weisheiten der Anthroposophie kennenlernen könnten.

Was meinen Sie, wie viele Waldorfschulen es dann gäbe? Biologisch-dynamische Landwirtschaftsbetriebe? Anthroposophisch orientierte Kliniken? Wie dann die heutige Mitgliederversammlung aussähe? Welche Menschen hier säßen? Dann wäre die AG wirklich eine Weltgesellschaft.

Ich möchte Sie alle deshalb auffordern, Ihre Rechte - z.B. zur Teilnahme an der WELEDA Aktionärsversammlung - und Ihre Pflichten - nämlich die Kontrolle und entsprechende Besetzung des WELEDA Managements - wahrzunehmen, damit die WELEDA Ihre beiden Aufgabe erfüllen kann: Nämlich Bote und Finanzier für die Anthroposophie zu sein und in der Zukunft einige Millionen Franken an die Anthrop. Gesellschaft überweisen zu können. Denn nach den Prinzipien der Dreigliederung sollen Institutionen des Geisteslebens durch das Wirtschaftsleben finanziert werden und nicht durch das versteuerte Einkommen der Arbeitnehmer.

*WELEDA ist ein eingetragenes Markenzeichen der WELEDA AG, die zu über 30 % der Anthroposophischen Gesellschaft gehört, deren Mitglied ich seit über 2 Jahrzehnten bin. Als Miteigentümer fühle ich mich für diese Gesellschaft mitverantwortlich.

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