Montag, 6. April 2009

Wer nichts mehr zu verlieren hat, gründet eine Stiftung ...

Nein, an diesem ersten Aprilwochenende war das Wetter zu schön, die Kinder haben Ferien, und statt die heiligen Hallen zur Mitgliederversammlung der AAG zu besuchen, habe ich mit meinem Sohn eine Fahrradtour gemacht. Es ist auch das Meiste gesagt, was zur Anthoposophischen Gesellschaft und zur WELEDA zu sagen ist, und es wird noch einige Jahre dauern, bis alles das, was ich vor vielen Jahren schon vorgeschlagen habe, umgesetzt wird.
Nur ein zentraler Punkt ändert sich nicht, und ohne diesen sind alle anderen Maßnahmen nur kosmetische Operationen - und auch mit bester WELEDA Kosmetik können keine ernsthaften Erkrankungen geheilt werden. Dieser zentrale Punkt sind die Menschen, die als Manager mit alttestamentarlicher Macht ausgestattete auf den Chefsesseln der WELEDA Gesellschaften sitzen.
Jetzt soll also der Stiftungsgedanke umgesetzt werden. Damit bei einer Zahlungsunfähigkeit der AAG deren Anteile an der WELEDA nicht verkauft werden müssen. Ich bin überzeugt davon, dass diese Initiative vom Management der WELEDA ausgeht, die die von ihnen mit verschuldeten Pleite der AAG voraussehen. Und das Paul Mackay für diese Gefahr keinen Anhaltspunkt sieht, wie er in der aktuellen Ausgabe der "Anthroposophie weltweit" betont, nehme ich ihm nicht ab. Er hat auch vor 10 Jahren die Situationen nicht sehen wollen, die sich jetzt bewahrheitet haben.
Hier wird der Sachverhalt in gewohnt euphemistischer Weise aufbereitet und dargestellt. Die Irritationen der letzten Jahre werden als ein "Konflikt unter Schwestern" bezeichnet, Herr Kerler wird zitiert, er habe erst sehr spät erkannt, dass die AAG und die Ita-Wegman-Klinik (IWK) ihre Anteile an der WELEDA als Geldwert sehen. Aus der Not geboren, müssen wohl dieses beiden Institutionen dies tun - die AAG wohl mehr als die IWK.
Spannend wird es nun, wie diese Stiftungsgründung und ihre Finanzierung gelingen soll. Sowohl die AAG als auch die IWK sind gemeinnützige Institutionen, die ihre Finanzmittel für den Satzungszweck einsetzen müssen. Eine Stiftungsgründung gehört definitiv nicht zum Satzungszweck, weder der AAG noch der IWK. Um ihre Unternehmensanteile in eine Stiftung zu überführen, müssen diese also erst aus dem Vermögen herausgekauft werden - Herr Pietzner spricht vom "befreien" des in der WELEDA gebundenen Kapitals - von wem und zu welchem Preis, auf diese Fragen bleiben uns die Verantwortlichen noch die Antwort schuldig. Es kann spannend werden.

Erschreckend ist, wie die Situation der WELEDA beschrieben wird. Pietzner: "Ohne die jährlichen Zuwendungen der WELEDA wäre manche Forschung am Goetheanum ... schwer möglich." Warum beziffern Sie diese "Zuwendungen" nicht, Herr Pietzner? "manche Forschungen" können auch mit einigen 1000 Franken möglich gemacht werden! Der Beitrag der WELEDA ist wahrscheinlich so lächerlich klein, dass es peinlich wäre seine "Höhe" zu nennen.

Weiterhin betont Georg Fankhauser (den ich als einzigen der Herren nicht persönlich kenne) sehr offen, dass das WELEDA Management gerne über viel Geld verfügt "um seine "unternehmerischen Projekte" zu realisieren" (ehrlicher wäre: " ... um seiner Selbstdarstellung zu frönen"), und Rolf Kerler erhofft sich von einer Stiftung die Möglichkeit, weiter hemmungslos Geld von gutwilligen Aktionären oder Partizipationsschein-Zeichnern einzutreiben, statt es selbst zu verdienen. Denn die maximale Anzahl an Partizipationsscheinen war ja vor einiger Zeit ausgegeben worden, neues Geld einzutreiben ist ohne neue Aktienausgaben nicht möglich.

Ja, Herr Kerler, Sie sagen es richtig, "die finanziellen Möglichkeiten der WELEDA sind beschränkt." Aber warum hinterfragen Sie nicht, warum dies so ist? In den früheren Einträgen dieses Blogs können Sie einige der Gründe nachlesen, wenn Sie es schon vergessen haben sollten, was ich Ihnen damals, als Sie noch als Generalsekretär der AAG die Weichen hätten in eine bessere Zukunft stellen könne, in zahlreichen Briefen, Emails und Gesprächen mitgeteilt habe.

Damals - also vor ca. 10 Jahren - gab es die Diskussion, dass WELEDA die Palette der anthroposophsichen Arzneimittel aus Kostengründen reduzieren müsse - den Protesten vieler anthroposophischer Ärzte zum Trotz wurde diese Reduzierung gnadenlos durchgeführt - statt anthroposophische Ärzte in der Anwendung dieser Präparate zu schulen - viele ur-anthroposophische Arzneimittel sind seitdem nicht mehr als Fertigpräparat erhältlich, die anthroposphische Medizin hat einen nicht wieder gut zu machenden Schaden erlitten. Und nun beklagen Sie sich immer noch über den marginalen Rest an Arzneimitteln, den WELEDA noch produzieren "muss". Dies soll nun "kostenneutral" geschehen, also von einer Stiftung finanziert, die Gewinne der WELEDA sollen für Zwecke "außerhalb des Unternehmens" zur Verfügung stehen. Warum kann die WELEDA nicht, was die WALA schon seit Jahrzehnten erfolgreich macht? Mit anthroposophischer Kosmetik anthroposophische Heilmittel querfinanzieren und trotzdem gut Geld verdienen?

Es ist ungeheuerlich. Da vergeudet ein unfähiges Management das medizinische und finanzielle Vermächtnis Rudolf Steiners (die WELEDA), das der AAG und der IWK treuhänderisch zur Kontrolle übertragen worden war, unter den Augen der Mitglieder und mit Billigung und sogar aktiver Mittäterschaft der Generalsekretäre, und nun, da die AAG vor der Pleite steht, verabschiedet sich das WELEDA Management von ihr, um durch eine Stiftung von "anthroposophischen Gutmenschen" weiter finanziert zu werden - statt sich ihr Geld selbst zu verdienen. Ich hoffe nur, dass die GLS Bank - an der ich auch einen Genossenschaftsanteil halte - kein Kapital für diese Stiftung gibt, ohne dass bei der WELEDA grundlegende personelle und organisatorische Strukturen entfilzt und geordnet wurden.

Es scheint, dass in den letzten 10 Jahren das Chaos noch größer geworden ist. Auch damals wirden öfters ganze Chargen weggeworfen und das Fakturierungssystem war abentheuerlich, aber die folgende Meldung zeigt, dass es bei WELEDA Deutschland und heute mitnichten besser ist:

Über eine Finanzkrise der besonderen Art berichtete die Stuttgarter Zeitung im Wirtschaftsteil ihrer Samstagsausgabe. Trotz eines um 10% gestiegenen Umsatzes vermeldet die Weleda AG in Schwäbisch Gemünd, ... , für das Jahr 2008 rote Zahlen. Für einen kleinen Teil der Verluste, so war es von einem Sprecher der Weleda AG zu erfahren, seien Probleme bei der Distribution und der Rechnungslegung verantwortlich. ... Auch seien in größerem Umfang Teile der begrenzt haltbaren Warenbestände vernichtet worden, weil die "gesamte Lagerwirtschaft nicht funktionstüchtig" gewesen sei, ... .
... Zitat Sirdey: "Das genaue Ausmaß kennen wir noch nicht". Der Bericht geht davon aus, dass es sich um einige Millionen Euro handeln kann. "Im vergangenen Jahr ist laut Sirdey trotz gestiegener Umsätze "erstmals seit Jahrzehnten" ein Verlust entstanden". ... . Kriminelle Machenschaften seitens der Mitarbeiter, so die Zeitung, würden von Sirdey "übrigens kategorisch" ausgeschlossen und die Frage, ob zur Problemlösung "Köpfe gerollt" seien, sei von Sirdey entschieden verneint worden. Der vorzeitige Weggang des Konzernleitungsmitglieds Rudolf Frisch im vergangenen Jahr habe nichts damit zu tun gehabt. ....
Der Bericht, ... , schließt mit dem Hinweis, dass Unternehmenskonzepte wie Weleda, die auf Vertrauen und Eigenverantwortung setzen -"ganz so wie die Anthroposophie es als Ideal beschreibt" - allerdings auch Nachteile haben könne: "Wie gehen die freundlichen Chefs mit groben Fehlern um?" Die durchaus selbstkritische Antwort von Patrick Sirdey: "Wir haben zuerst gesagt, die Verantwortlichen werden das schon hinbekommen, - vielleicht warten wir aber generell zu lange, bis wir eingreifen."

Mein Kommentar: Vielleicht haben "die freundlichen Chefs" auch deshalb so lange gewartet, weil sie weder den Überblick haben noch den Willen, eine funktionierende Organisation zu ermöglichen. Mit den strukturellen "Bordmitteln", die den Mitarbeitern der WELEDA zur Verfügung stehen, ist es ein Wunder und ein Zeichen höchster Kompetenz und Improvisationsvermögens, dass die Verluste nicht noch wesentlich größer sind. Innovationen sind jedenfalls zu meiner Zeit immer am mangelnden Verständnis der ach so "freundlichen Chefs" gescheitert. Viele Verantwortliche der WELEDA arbeiten so wie ein Pilot, der ein Passagierflugzeug ohne Radar und Funk, sondern nur mit einer Landkarte sicher navigieren soll.