Freitag, 25. Mai 2012

Fragen zur Aktionärsversammlung

In der Hoffnung, dass der eine oder andere Aktionär der WELEDA diese Zeilen liest, möchte ich hier einige Fragen auflisten, die ich dem Verwaltungsrat stellen würde wenn ich Aktionär wäre.
Diese Fragen wären:
  1. Wie hoch ist das Gehalt der Geschäftsleitung und des oberen Managements?
  2. Ist das Gehalt des Managements ganz oder teilweise vom Umsatz oder vom Jahresergebnis abhängig, d.h. gibt es ein Fixum plus Bonus und von welchen Ergebnissen ist der Bonus abhängig?
  3. Gibt es Bonuszahlungen an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Wenn ja, in welcher Höhe und nach welchen Kriterien?
  4. Wie hoch ist die Fluktuation bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern?
  5. Aus welchen Gründen verlassen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die WELEDA? Gibt es arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen? Wenn ja, wie viele?
  6. Wie ist das Durchschnittsalter der ausscheidenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?
  7. Welche Qualifikationen haben ausscheidende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?
  8. Diese Zahlen sollten auf die einzelnen Betriebe sowie auf das "Headquarter" in Basel aufgeschlüsselt werden.
Warum diese Fragen? Aus den Betrieben ist zu hören, dass immer mehr gut ausgebildete, junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die WELEDA freiwillig verlassen - ein "Brain Drain" sozusagen, der bei dem immer mehr um sich greifenden Fachkräftemangel am Ende existenzbedrohender werden kann als die finanziellen Probleme. Jedenfalls ist die Mischung von finanziellen Problemen und unzufriedenen und von der Unternehmenspolitik verunsicherten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr schwierig für ein Unternehmen, vor allem in einer Zeit wo eine qualifizierte Arbeitskraft keine Probleme hat, in einer anderen Firma eine Stelle zu bekommen. Die Zeiten, wo WELEDA als einer der beliebtesten Arbeitgeber galt, sind anscheinend vorbei.
Dass dazu noch altgediente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen werden - aus welchen Gründen auch immer - macht die Situation sicher nicht leichter.
Statt aber jetzt zu resignieren, wäre es wichtig, nach vorne zu sehen und dem neuen CEO eine Chance zu geben - sicher ist jedoch, dass es eine Verschlankung des Wasserkopf-Managements geben muss, eine Eliminierung des Standortes in Basel, und eine Veränderung der Wertschätzung, denn: Verwalter und Analysten, die Zahlen (schön)rechnen, Businesspläne schreiben und Marketingkampagnen entwerfen, finden sich überall, aber Menschen, die aus wirklichem Wissen und Können Produktionsprozesse vom der Pflege der Erde über den Anbau der Pflanzen bis zur Abfüllung so gestalten, dass am Ende ein Qualitätsprodukt entsteht, die gibt es immer weniger. Ebenso gibt es immer weniger Menschen, die wirklich von Mensch zu Mensch kommunizieren können, die WELEDA leben und verkörpern und die sich eben nicht alternativ eine Karriere bei Roche oder Novartis vorstellen können. Diese Menschen muss WELEDA finden, überzeugen und halten - vor allem auch durch das gute Beispiel der Geschäftsleitung und durch ein gesteigertes Maß an Wertschätzung, an der es in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer mehr mangelte.

Mittwoch, 23. Mai 2012

Erste Schritte: Die Geschäftsleitung wird ausgedünnt

Erk Schuchhart (links) muss gehen, Samir Kedwani (rechts) übernimmt seine Aufgaben 
Aus WELEDA Kreisen in Schwäbisch Gmünd wird verlautbart, dass der neue CEO Ralf Heinisch das konkrete und angekündigte "Personal-Sparen" an der richtigen Stelle beginnt. Nicht nur in der Produktion, wo Geld verdient und wertvolle Arbeit gemacht wird, sind "Stellen einzusparen" - wie es so schön im Managerdeutsch heisst -, sondern auch in der bekanntlich sehr breit aufgestellten Geschäftsführung. Es trifft als erstes Erk Schuchhardt, der seit 2008 als Vorsitzender der Geschäftsleitung den Standort Schwäbisch Gmünd leitet. Seine Aufgaben soll der bisherige Produktionsleiter in Schwäbisch Gmünd, Dr. Samir Kedwani, mit übernehmen. Vielleicht gibt es ja dann bald - unter Einbeziehung moderner elektronischer Kommunikationsmethoden - eine gemeinsame Produktionsleitung aller drei produzierenden Standorte in Europa und eine in Ralf Heinisch personifizierte Geschäftsleitung? Wünschenswert wäre es, denn die ewigen Rivalitäten zwischen den Standorten, angestachelt durch den Ehrgeiz der jeweiligen Produktionsleiter und Geschäftsführer, hatten lange Zeit teure und unsinnige Entscheidungen zur Folge, wenn es z.B. um die Entscheidung ging, welches Produkt an welchem Standort produziert werden soll.
Aus persönlicher Sicht muss ich sagen, dass ich die Entlassung von Erk Schuchhardt schade finde, denn ich habe ihn während meiner Zeit bei WELEDA kennen gelernt und mich mit ihm recht gut verstanden. Bleibt zu hoffen dass er dem Unternehmen in anderer Funktion erhalten bleibt und jemand mit weniger menschlichen Qualitäten das Unternehmen dauerhaft verlässt! Es stellt sich die Frage: War der Betriebsrat in die Entscheidung involviert? Wurden die Mitarbeiter gefragt, mit welchem "Chef" sie sich die Zukunft am besten vorstellen können?
Leider ist (noch) nicht bekannt, wie viel Geld durch die Umstrukturierungen gespart wird, ob Erk Schuchhardt eine Abfindung erhält und wie hoch sein Gehalt als Vorsitzender der Geschäftsleitung des WELEDA Standortes Schwäbisch Gmünd ist. Aber vielleicht gibt es mit dem neuen CEO auch eine neue Transparenz, die den Namen wirklich verdient, und wir erfahren, wie viele Tuben Kosmetika verkauft werden müssen, um das Gehalt eines WELEDA Managers zu bezahlen?

Donnerstag, 10. Mai 2012

geBrüllte Reaktionen

Auf meinen Kommentar zum Artikel in Info3 schrieb Ramon Brüll:
Hallo Herr Ferger
Ihr Leserbrief wurde mir von der Redaktion weitergeleitet. Auf einige wenige Punkten will ich gerne eingehen:
Gerade weil in nächster Zeit kein nennenswerter Gewinn zu erwarten ist, ist es ein guter Zeitpunkt, sich über grundsätzliche Fragen der Gewinnverwendung Gedanken zu machen. Denn sobald es etwas Substantielles zu verteilen gibt, werden erfahrungsgemäß die Begehrlichkeiten wieder jede vernünftige Überlegung überschatten.
Entmachtung des Verwaltungsrates: Ich verlange ja gar nicht, dass Sie mir zustimmen. Nur entpuppen Sie sich als Kapitalist wenn Sie davon ausgehen, dass a) der Verwaltungsrat (das heißt die Geldgeberseite) Auftraggeber ist und b) diese Seite prädestiniert wäre, ein letztendliches Weisungsrecht auszuüben.
Ihre Unterstellung bezüglich eines Zusammenhangs von unserer Berichterstattung mit dem Auftragsvolumen der Weleda-Anzeigen in Info3 zeugt von fehlender Wahrnehmung Ihrerseits. Erstens ticken wir anders - vielleicht auch, weil uns, anders als Ihre Denkgewohnheiten es manifestieren, jegliche kapitalistische Hierarchiesierung fremd ist - und zweitens dürfte Ihnen aufgefallen sein, dass wenn überhaupt eines der anthroposophischen Publikationsorgane die Entwicklung der Weleda in den letzten Jahren kritisch begleitet hat, wir das waren. Nur: Ich komme als Kommentator teilweise zu ganz anderen Ergebnisse als Sie. Es tut mir leid für Sie, wenn Sie das nicht aushalten können.
Mit freundlichen Grüßen
Ramon Brüll

Dazu meine Mail an Ramon Brüll:

Hallo Herr Brüll
Natürlich kann ich aushalten, dass Sie da anderer Meinung sind. Glücklicherweise leben wir in einer Gesellschaft, in der Meinungsvielfalt herrscht - auch wenn diese insbesondere in der anthroposophischen Szene manchmal eher gefürchtet als gefördert wird.
Was Punkt 1 anbelangt: Sind Sie der Meinung, dass WELEDA jemals substanzielle Beträge an die Anteilseigner abgeliefert hat?
Dazu mal eine Übersicht der Dividendenzahlungen der letzten 7 Jahre:
2004: 625 TCHF
2005: 625 TCHF
2006: 625 TCHF
2007: 998 TCHF
2008: 000 TCHF
2009: 712 TCHF
2010: 000 TCHF
Das sind also in 7 Jahren gerade mal 3,5 Mio CHF – weniger als das Goetheanum allein in diesem Jahr an Legaten „eingenommen“ hat, und im Vergleich zu den Fehlbeträgen, die bei WELEDA aufgelaufen sind, eine relativ unbedeutende Summe. Das bedeutet, dass die WELEDA nicht wesentlich besser dastünde, wenn alle Anteilseigner auf ihre Dividende verzichtet hätten. Die Anthroposophische Gesellschaft erhielt davon gemäß Ihrem Kapitalanteil 22%, also 788 TCHF – also jedes Jahr etwas mehr als 100 TCHF – was wahrscheinlich weniger ist als der Vorstand und die Sektionen beispielsweise jährlich an Reisekosten ausgeben. Dazu kommt, dass in diesem Jahr die Tilgung der von der GLS-Bank aufgelegten WELEDA Fonds beginnt - d.h. es müssen in den nächsten Jahren 15 Mio € zurückgezahlt werden. 
Dazu noch eine vielleicht provokante Frage: Wäre es denn verwerflich, wenn WELEDA mit Naturkosmetik Gewinn macht? Naturkosmetik ist in keinster Weise lebensnotwendig, es ist ein Luxus (mehr als eine gute Seife braucht der Mensch nicht wirklich für die Körperpflege …), und mit Luxus Gewinne zu machen, die immerhin für einen guten Zweck sind – nämlich für die Erhaltung der finanziellen Grundlagen der Anthroposophie – ist m.E. eine recht löbliche Angelegenheit. Interessanter wäre es vielmehr zu wissen, wie hoch die Managergehälter in den letzten Jahrzehnten waren – ich kann mir gut vorstellen, dass sie mindestens so hoch waren wie die Dividendenzahlungen. Nur darüber spricht niemand, Sie und Info3 leider auch nicht.
Ihren zweiten Punkt finde ich interessant. Ich bin also ein Kapitalist, wenn ich fordere, dass die Inhaber einer Firma für diese Firma Verantwortung übernehmen? Wer soll denn bitteschön die Mitglieder der Geschäftsleitung, die sich jahrzehntelang durch Co-Option selbst erneuert haben und für den ganzen Niedergang verantwortlich sind, Weisungen und Aufträge geben? Wer soll denn Verantwortung übernehmen? „Eigentum verpflichtet“ ist ein sehr guter Grundsatz, der schon in unserem Grundgesetzt verankert ist, und Eigentum verpflichtet auch zur Verantwortung. Dass WELEDA kein wirkliches Leitbild hat, das als Richtschnur und Ziel des Handelns sowohl der Manager als auch der Mitarbeiter gelten kann, ist ja bezeichnend. Nein, das Desinteresse und genau die von Ihnen propagierte „Zurückhaltung der Besitzer (Sie können sie auch „Kapitalisten“ nennen, wenn Sie meinen dass die AAG und die Ita-Wegmann-Klinik Kapitalisten sind)“ ist ja die Ursache des Übels. Dass das langfristige Ziel der Restrukturierung der Eigentumsverhältnisse der WELEDA in Richtung einer Stiftung gehen soll, da könnten wir ja sogar einer Meinung sein - nur schlussendlich ist die Stiftung dann Eigentümer und muss als dieser auch Verantwortung übernehmen. Jedenfalls kann ein Management nicht langfristig ohne eine Aufsicht durch einen Aufsichts- oder Verwaltungsrats arbeiten, ohne die Orientierung und die Zielorientiertheit zu verlieren. Das ist m.E. auch nicht "kapitalistisch", sondern einfach gesunder Menschenverstand und etwas Einsicht in das Wesen der Menschen.
Last but not least meine Vermutung der Zahnlosigkeit einem guten Anzeigenkunden gegenüber: Wenn dem nicht so ist, dann kann ich z.B. den Beitrag über WELEDA in Info3 vom Juni letzten Jahres noch weniger verstehen - auch wenn er ja nicht von Ihnen war, sondern von Laura Krautkrämer. Von einer Zeitschrift, die sich eine kritische Begleitung und eine kritische und unvoreingenommene Sichtweise auf die Anthroposophie auf die Fahnen geschrieben hat, hätte ich da wirklich wenigstens einen kritischen Blick in den Geschäftsbericht und einige kritische Fragen – z.B. nach den Gehältern der WELEDA Manager - erwartet. Wenn Sie Beiträge wie diesen „kritische Begleitung“ nennen, dann haben wir von diesem Begriff sehr unterschiedliche Vorstellungen. Sicher ist Info3 kritisch im Vergleich zu den anderen „anthroposophischen Publikumsorganen“, die überhaupt nichts zu dem Thema veröffentlicht haben, diesen Verdienst habe ich Ihnen auch nicht abgesprochen, nur ist das immer noch nicht das, was ich unter „kritischem Journalismus“ verstehe.
Mit vielen Grüßen aus Südbaden
Dietmar Ferger

Montag, 7. Mai 2012

Gut geBrüllt, Ramon ... oder?

Ramon Brüll hat in der aktuellen Info3-Ausgabe einen Bericht und einen offenen Brief an Paul Mackay veröffentlicht. Während dem Bericht nichts hinzuzufügen ist, kann der offenen Brief nicht unkommentiert bleiben. Da dies auch angesprochen wird möchte ich auch hinzufügen, dass ich natürlich auch gerne lieber direkt mit den Mitmenschen spreche als über sie, dass ich dies auch mit Paul Mackay und auch seinen Vorgängern im Amt versucht habe - auch in Bezug auf den vorhergehenden Artikel - dass aber auf mehr oder weniger verständnisvolles Zuhören keine Taten erfolgten.
Auch wenn ich mir nicht anmaße ein guter Kapitän für ein "Schiff" wie die WELEDA zu sein, und erst recht sicher nicht ein besserer als der jetzige, Ralph Heinisch, möchte ich doch einige Aspekte hinzufügen, die m.E. von Bedeutung sind.
Erst einmal ist zu überlegen, ob Paul Mackay der richtige Ansprechpartner ist, denn das "manövrieren" des "leckgeschlagenen Schiffes WELEDA" ist ja nicht Aufgabe des Verwaltungsratspräsidenten Paul Mackay, sondern des CEO -  der Verwaltungsratspräsident ist eher der Reeder, dem das Schiff gehört und der die Aufträge erteilt. 
Zu Punkt 1 ist zu sagen: Gerade jetzt ist ein neuer Kapitän auf dem Schiff - Ralph Heinisch - und Ramon Brüll möchte diesem gleich den Gehalt kürzen? Das geht ja schon garnicht, was aber auf jeden Fall wichtig wäre ist, zu wissen, wie hoch dieser Gehalt (und der Gehalt der anderen Offiziere auf dem Schiff) ist - denn nur dann kann beurteilt werden, ob sich Leistung und Bezahlung einigermaßen in der Waage halten. Die Veröffentlichung von Managergehältern ist in guten Firmen schon heute üblich - warum eigentlich bei WELEDA nicht? Auch rückwirkend wäre es interessant zu wissen, was die Offiziere aus der "alten Riege" (Moritz Aebersold, Patrick Sirdey, Marc Follmer, Rudolf Frisch, Olaf Sommer, Nicolai Keller, Mathieu van den Hoogenband, Rainer Dierdorf, Peter Braun, Patrick Kersting ...) so verdienen oder verdient haben und ob dieser "Verdienst" in einem angemessenen Verhältnis zu ihren Leistungen steht oder stand. Dazu ist zu sagen, dass mir persönlich ein professioneller nicht-anthroposophischer Manager, der mit WELEDA die in der Naturkosmetik üblichen Margen (zweistellige Umsatzrendite) erreicht, lieber ist als ein pseudo-anthroposophisches Führungsteam, das im anthroposophischen Sumpf erstickt und Verluste erwirtschaftet - denn professionelle Manager wissen heute durchaus den Wert von guten MitarbeiterInnen zu schätzen, was bei den bisherigen Führungsriegen oftmals nicht der Fall war. Soweit zu Punkt 1.
Über Punkt 2, der Gewinnverwendung, muss sich in den nächsten Jahren kaum Gedanken gemacht werden, denn bevor irgendwelche Dividenden zur Verfügung stehen, wird es noch einige Jahre dauern. Eigentlich ist die Forderung aber zu kurz gegriffen, denn es ist die Eigentumsfrage, die bei WELEDA völlig neu gegriffen werden sollte - ein wenigstens zeitweises Miteigentum der Mitarbeiter wäre das mindeste, was eine WELEDA an sozialen und Dreigliederungsgedanken umsetzen sollte.
Der Forderung nach dem Abbau des Verwaltungswasserkopfes, die Ramon Brüll in Punkt 3 stellt, kann ich mich vollumfänglich anschließen. Das ganze Büro in Basel gehört aufgelöst, die Verwaltung muss wieder in räumliche und persönliche Nähe zur Produktion. Wenn Weltfirmen mit -zigfachem Umsatz der WELEDA in kleinen Schwarzwalddörfern ihren Hauptsitz haben, dann sollte sich WELEDA ihres Hauptsitzes in Arlesheim nicht schämen.
Der Forderung in Punkt 4 dagegen nach einer Entmachtung des Verwaltungsrates kann ich in keinster Weise zustimmen, denn die Macht- und Interessenlosigkeit des Verwaltungsrates und der Eigentümer (der Anthroposophischen Gesellschaft und der Ita-Wegmann-Klinik) sind ja schließlich die Ursache der Probleme. Wer dann Vertreter in den Verwaltungsrat entsendet - ich vermisse dort sehr die Vertreter der Mitarbeiter / Arbeitnehmer - ist eine andere Frage, aber ein unkontrolliertes, im eigenen Saft schmorendes, sich selbst ergänzendes Management, wie es viele Jahre vor sich hingewurschtelt hat, kann nicht das Ziel sein und würde die Problematik wieder verschärfen.
Insofern kann ich dazu nur sagen - als etwas abgewandeltes Sprichwort -: "Ramons die brüllen, beissen nicht" - was schade ist, denn etwas mehr Biss in der Berichterstattung der letzten Jahrzehnte, etwas weniger Rücksicht auf den großen Anzeigenkunden WELEDA, hätte den Prozess vielleicht etwas beschleunigt und einige der Aktionäre oder der Anthroposophen etwas früher aufgeweckt und so die Katastrophe abgemildert.

Sonntag, 6. Mai 2012

Kann Wahrheit subjektiv sein oder die Kunst, Fehler einzugestehen

Wenn Paul Mackay die Ereignisse so schildert, wie er es tut - etwa in seinem Interview mit der Basler Zeitung oder auch in seinen Darstellungen und Berichten während der letzten Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, sind die Worte natürlich so richtig wie er sie sagt. Er sagt sie aber so, dass es dem Leser oder Zuhörer, der die Geschehnisse im Bezug auf die Entwicklung der WELEDA in den letzen 20 Jahre nicht präsent im Bewusstsein hat, so erscheint, als sei die Situation der WELEDA erst im letzten Jahr so bedrohlich und vorher alles in bester Ordnung gewesen und als ob er - und die anderen Mitglieder des Vorstandes der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft - erst im letzten Jahr von den Problemen der WELEDA erfahren und dann sofort gehandelt hätte. Da dies nachweislich nicht der Fall ist, (Paul Mackay und auch sein Vorgänger im Amt des Vorstandes und auch des Verwaltungsrats, Rolf Kerler, haben von den Problemen der WELEDA schon seit vielen vielen Jahren gewusst - wie auch dieser Blog dokumentiert -, das Vorstandsmitglied Seija Zimmermann hat vor ihrer Berufung in den Vorstand als finnische anthroposophische Ärztin und indirekt auch meine (in meiner Funktion als Exportverantwortlicher in Arlesheim 1998 - 2001) "Kundin" sehr direkt die schon damals bestehenden Probleme erlebt und sich sogar mit mir darüber ausgetauscht, auch Michaela Glöckler war immer über alles bestens informiert), beginnt hier die (philosophische?) Frage, ob eine nur teilweise mitgeteilte Information immer noch "wahr" ist, oder ob sie durch das Fehlen relevanter Tatsachen und Zusammenhänge in ihrem Wahrheitsgehalt signifikant eingeschränkt wird.
Natürlich stellt sich dann auch die Frage, warum die bekannten Probleme der WELEDA über Jahre hinweg einfach ignoriert, unter den Teppich gekehrt und totgeschwiegen wurden und warum der Vorstand seine Verantwortung im Verwaltungsrat der WELEDA so viele Jahre hinweg nicht wahrgenommen hat. Wenn wir davon ausgehen, dass im Vorstand einigermaßen intelligente Menschen saßen und sitzen, die gelernt haben, ihre Wahrnehmung zu schulen, die auch in wirtschaftlichen Zusammenhängen Erfahrungen haben und die sich ihrer Verantwortung für das Erbe Rudolf Steiners, für die WELEDA und für das Fortbestehen und die finanziellen Grundlagen der Anthroposophischen Gesellschaft bewusst waren und sind, dann stellt sich die Frage, warum die Schritte, die der Vorstand jetzt gemacht hat, nicht schon vor 10 oder mehr Jahren geschehen sind - vor allem da auch bekannt ist, dass sie in mindestens einem Fall - nämlich von mir - dezidiert darauf hingewiesen wurden. Es lassen sich da viele Spekulationen anstellen. War es einfach eine Art "Angst", ein so heisses Eisen anzufassen? War der Vorstand in der (unrealistischen) Hoffnung, dass sich ein Wunder ereignen und sich alles zum Besseren wenden würde? Konnte er es nicht übers Herz bringen, die "lieben Freunde" in der Geschäftsleitung zu kritisieren oder sogar zu feuern und nahm dafür den Niedergang des ganzen Unternehmens in Kauf? Gab es Absprachen, von denen wir alle nichts wissen? Hatte oder hat die Geschäftsleitung der WELEDA Macht und Einfluss über den Vorstand bzw. den Verwaltungsrat? Gab es "graue Eminenzen", die den Vorstand beeinflusst haben? ...???
Ich möchte betonen und unterstreichen, dass ich froh und glücklich bin, dass endlich diese Schritte gegangen worden sind, dass mir klar ist, dass es für die handelnden Personen - also inbesondere Paul Mackay - nicht einfach gewesen ist, dies zu tun - und doch stellt sich die Frage, warum gerade jetzt? War es der Druck aus der Ärzteschaft? Waren es die endgültige und langfristige Absenz von Dividenden aus der WELEDA? War es der Druck der Aktionäre bzw. der Inhaber von Partizipationsscheinen (denn da gibt es ja noch einen nicht-anthroposophischen Großaktionär, die Albin Kistler AG)? Oder war es einfach die Erkenntnis, dass die eigene (finanzielle) Grundlage, die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, kurz vor der Insolvenz steht - denn dass es 2011 so viele "Legate" (also Hinterlassenschaften gestorbener Anthroposophen zu Gunsten der Anthroposophischen Gesellschaft) geben würde, war ja nicht vorauszusehen?
Neben diesen Fragen, die vielleicht eines Tages die Historiker beschäftigen werden, stellt sich dann die aktuelle Frage, warum es Paul Mackay als Sprecher des Vorstandes und des Verwaltungsrates nötig hat, die Historie so "selektiv" darzustellen wie er es in dem Interview und auch während der Generalversammlung tat und warum er es nicht über sich gebracht hat darauf hinzuweisen, dass da langjährige Versäumnisse des Vorstandes und des Verwaltungsrates vorliegen, die jetzt endlich behoben werden.
Was wäre geschehen, wenn Paul Mackay auf der Generalversammlung und auch in der Außendarstellung die historisch richtige Wahrheit ausgesprochen hätte und auch Hinweise darauf gegeben hätte, was den Vorstand bewogen hat, so lange Zeit dem Niedergang der WELEDA so tatenlos zuzusehen? Und auch, was ihn bewogen hat, genau jetzt zu handeln? 
Ich persönlich finde es schade, dass er diesen Mut nicht aufgebracht hat!
Nachtrag: es geht mir hier nicht um Schuldzuweisung oder Rechtfertigung nach dem Motto "seht mal, das hab ich doch schon seit vielen Jahren gesagt", sondern es geht mir darum dass ich überzeugt davon bin, dass wir es dem Erbe Rudolf Steiners schuldig sind, umfassende Zusammenhänge auch umfassend, klar, deutlich und wahrhaftig darzustellen und dass es dem Anspruch der Anthroposophie und ihres Vorstandes widerstrebt, durch selektives Weglassen von Tatsachen Versäumnisse und Fehler beschönigen zu wollen - denn jeder Mensch der handelt läuft Gefahr, Fehler zu machen, nur wer nicht handelt kann keine Fehler machen. Außerdem bin ich überzeugt, dass die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft ihrem Vorstand auch Fehler zugestehen und nicht den Anspruch haben, dass dieser "unfehlbar" ist.