Auf meinen Kommentar zum Artikel in Info3 schrieb Ramon Brüll:
Hallo Herr Ferger
Ihr Leserbrief wurde mir von der Redaktion weitergeleitet. Auf einige wenige Punkten will ich gerne eingehen:
Gerade weil in nächster Zeit kein nennenswerter Gewinn zu erwarten ist, ist es ein guter Zeitpunkt, sich über grundsätzliche Fragen der Gewinnverwendung Gedanken zu machen. Denn sobald es etwas Substantielles zu verteilen gibt, werden erfahrungsgemäß die Begehrlichkeiten wieder jede vernünftige Überlegung überschatten.
Entmachtung des Verwaltungsrates: Ich verlange ja gar nicht, dass Sie mir zustimmen. Nur entpuppen Sie sich als Kapitalist wenn Sie davon ausgehen, dass a) der Verwaltungsrat (das heißt die Geldgeberseite) Auftraggeber ist und b) diese Seite prädestiniert wäre, ein letztendliches Weisungsrecht auszuüben.
Ihre Unterstellung bezüglich eines Zusammenhangs von unserer Berichterstattung mit dem Auftragsvolumen der Weleda-Anzeigen in Info3 zeugt von fehlender Wahrnehmung Ihrerseits. Erstens ticken wir anders - vielleicht auch, weil uns, anders als Ihre Denkgewohnheiten es manifestieren, jegliche kapitalistische Hierarchiesierung fremd ist - und zweitens dürfte Ihnen aufgefallen sein, dass wenn überhaupt eines der anthroposophischen Publikationsorgane die Entwicklung der Weleda in den letzten Jahren kritisch begleitet hat, wir das waren. Nur: Ich komme als Kommentator teilweise zu ganz anderen Ergebnisse als Sie. Es tut mir leid für Sie, wenn Sie das nicht aushalten können.
Mit freundlichen Grüßen
Ramon Brüll
Dazu meine Mail an Ramon Brüll:
Hallo Herr Brüll
Natürlich kann ich aushalten, dass Sie da anderer Meinung sind. Glücklicherweise leben wir in einer Gesellschaft, in der Meinungsvielfalt herrscht - auch wenn diese insbesondere in der anthroposophischen Szene manchmal eher gefürchtet als gefördert wird.
Was Punkt 1 anbelangt: Sind Sie der Meinung, dass WELEDA jemals substanzielle Beträge an die Anteilseigner abgeliefert hat?
Dazu mal eine Übersicht der Dividendenzahlungen der letzten 7 Jahre:
2004: 625 TCHF
2005: 625 TCHF
2006: 625 TCHF
2007: 998 TCHF
2008: 000 TCHF
2009: 712 TCHF
2010: 000 TCHF
2004: 625 TCHF
2005: 625 TCHF
2006: 625 TCHF
2007: 998 TCHF
2008: 000 TCHF
2009: 712 TCHF
2010: 000 TCHF
Das sind also in 7 Jahren gerade mal 3,5 Mio CHF – weniger als das Goetheanum allein in diesem Jahr an Legaten „eingenommen“ hat, und im Vergleich zu den Fehlbeträgen, die bei WELEDA aufgelaufen sind, eine relativ unbedeutende Summe. Das bedeutet, dass die WELEDA nicht wesentlich besser dastünde, wenn alle Anteilseigner auf ihre Dividende verzichtet hätten. Die Anthroposophische Gesellschaft erhielt davon gemäß Ihrem Kapitalanteil 22%, also 788 TCHF – also jedes Jahr etwas mehr als 100 TCHF – was wahrscheinlich weniger ist als der Vorstand und die Sektionen beispielsweise jährlich an Reisekosten ausgeben. Dazu kommt, dass in diesem Jahr die Tilgung der von der GLS-Bank aufgelegten WELEDA Fonds beginnt - d.h. es müssen in den nächsten Jahren 15 Mio € zurückgezahlt werden.
Dazu noch eine vielleicht provokante Frage: Wäre es denn verwerflich, wenn WELEDA mit Naturkosmetik Gewinn macht? Naturkosmetik ist in keinster Weise lebensnotwendig, es ist ein Luxus (mehr als eine gute Seife braucht der Mensch nicht wirklich für die Körperpflege …), und mit Luxus Gewinne zu machen, die immerhin für einen guten Zweck sind – nämlich für die Erhaltung der finanziellen Grundlagen der Anthroposophie – ist m.E. eine recht löbliche Angelegenheit. Interessanter wäre es vielmehr zu wissen, wie hoch die Managergehälter in den letzten Jahrzehnten waren – ich kann mir gut vorstellen, dass sie mindestens so hoch waren wie die Dividendenzahlungen. Nur darüber spricht niemand, Sie und Info3 leider auch nicht.
Ihren zweiten Punkt finde ich interessant. Ich bin also ein Kapitalist, wenn ich fordere, dass die Inhaber einer Firma für diese Firma Verantwortung übernehmen? Wer soll denn bitteschön die Mitglieder der Geschäftsleitung, die sich jahrzehntelang durch Co-Option selbst erneuert haben und für den ganzen Niedergang verantwortlich sind, Weisungen und Aufträge geben? Wer soll denn Verantwortung übernehmen? „Eigentum verpflichtet“ ist ein sehr guter Grundsatz, der schon in unserem Grundgesetzt verankert ist, und Eigentum verpflichtet auch zur Verantwortung. Dass WELEDA kein wirkliches Leitbild hat, das als Richtschnur und Ziel des Handelns sowohl der Manager als auch der Mitarbeiter gelten kann, ist ja bezeichnend. Nein, das Desinteresse und genau die von Ihnen propagierte „Zurückhaltung der Besitzer (Sie können sie auch „Kapitalisten“ nennen, wenn Sie meinen dass die AAG und die Ita-Wegmann-Klinik Kapitalisten sind)“ ist ja die Ursache des Übels. Dass das langfristige Ziel der Restrukturierung der Eigentumsverhältnisse der WELEDA in Richtung einer Stiftung gehen soll, da könnten wir ja sogar einer Meinung sein - nur schlussendlich ist die Stiftung dann Eigentümer und muss als dieser auch Verantwortung übernehmen. Jedenfalls kann ein Management nicht langfristig ohne eine Aufsicht durch einen Aufsichts- oder Verwaltungsrats arbeiten, ohne die Orientierung und die Zielorientiertheit zu verlieren. Das ist m.E. auch nicht "kapitalistisch", sondern einfach gesunder Menschenverstand und etwas Einsicht in das Wesen der Menschen.
Last but not least meine Vermutung der Zahnlosigkeit einem guten Anzeigenkunden gegenüber: Wenn dem nicht so ist, dann kann ich z.B. den Beitrag über WELEDA in Info3 vom Juni letzten Jahres noch weniger verstehen - auch wenn er ja nicht von Ihnen war, sondern von Laura Krautkrämer. Von einer Zeitschrift, die sich eine kritische Begleitung und eine kritische und unvoreingenommene Sichtweise auf die Anthroposophie auf die Fahnen geschrieben hat, hätte ich da wirklich wenigstens einen kritischen Blick in den Geschäftsbericht und einige kritische Fragen – z.B. nach den Gehältern der WELEDA Manager - erwartet. Wenn Sie Beiträge wie diesen „kritische Begleitung“ nennen, dann haben wir von diesem Begriff sehr unterschiedliche Vorstellungen. Sicher ist Info3 kritisch im Vergleich zu den anderen „anthroposophischen Publikumsorganen“, die überhaupt nichts zu dem Thema veröffentlicht haben, diesen Verdienst habe ich Ihnen auch nicht abgesprochen, nur ist das immer noch nicht das, was ich unter „kritischem Journalismus“ verstehe.
Mit vielen Grüßen aus Südbaden
Dietmar Ferger
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