Sonntag, 6. Mai 2012

Kann Wahrheit subjektiv sein oder die Kunst, Fehler einzugestehen

Wenn Paul Mackay die Ereignisse so schildert, wie er es tut - etwa in seinem Interview mit der Basler Zeitung oder auch in seinen Darstellungen und Berichten während der letzten Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, sind die Worte natürlich so richtig wie er sie sagt. Er sagt sie aber so, dass es dem Leser oder Zuhörer, der die Geschehnisse im Bezug auf die Entwicklung der WELEDA in den letzen 20 Jahre nicht präsent im Bewusstsein hat, so erscheint, als sei die Situation der WELEDA erst im letzten Jahr so bedrohlich und vorher alles in bester Ordnung gewesen und als ob er - und die anderen Mitglieder des Vorstandes der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft - erst im letzten Jahr von den Problemen der WELEDA erfahren und dann sofort gehandelt hätte. Da dies nachweislich nicht der Fall ist, (Paul Mackay und auch sein Vorgänger im Amt des Vorstandes und auch des Verwaltungsrats, Rolf Kerler, haben von den Problemen der WELEDA schon seit vielen vielen Jahren gewusst - wie auch dieser Blog dokumentiert -, das Vorstandsmitglied Seija Zimmermann hat vor ihrer Berufung in den Vorstand als finnische anthroposophische Ärztin und indirekt auch meine (in meiner Funktion als Exportverantwortlicher in Arlesheim 1998 - 2001) "Kundin" sehr direkt die schon damals bestehenden Probleme erlebt und sich sogar mit mir darüber ausgetauscht, auch Michaela Glöckler war immer über alles bestens informiert), beginnt hier die (philosophische?) Frage, ob eine nur teilweise mitgeteilte Information immer noch "wahr" ist, oder ob sie durch das Fehlen relevanter Tatsachen und Zusammenhänge in ihrem Wahrheitsgehalt signifikant eingeschränkt wird.
Natürlich stellt sich dann auch die Frage, warum die bekannten Probleme der WELEDA über Jahre hinweg einfach ignoriert, unter den Teppich gekehrt und totgeschwiegen wurden und warum der Vorstand seine Verantwortung im Verwaltungsrat der WELEDA so viele Jahre hinweg nicht wahrgenommen hat. Wenn wir davon ausgehen, dass im Vorstand einigermaßen intelligente Menschen saßen und sitzen, die gelernt haben, ihre Wahrnehmung zu schulen, die auch in wirtschaftlichen Zusammenhängen Erfahrungen haben und die sich ihrer Verantwortung für das Erbe Rudolf Steiners, für die WELEDA und für das Fortbestehen und die finanziellen Grundlagen der Anthroposophischen Gesellschaft bewusst waren und sind, dann stellt sich die Frage, warum die Schritte, die der Vorstand jetzt gemacht hat, nicht schon vor 10 oder mehr Jahren geschehen sind - vor allem da auch bekannt ist, dass sie in mindestens einem Fall - nämlich von mir - dezidiert darauf hingewiesen wurden. Es lassen sich da viele Spekulationen anstellen. War es einfach eine Art "Angst", ein so heisses Eisen anzufassen? War der Vorstand in der (unrealistischen) Hoffnung, dass sich ein Wunder ereignen und sich alles zum Besseren wenden würde? Konnte er es nicht übers Herz bringen, die "lieben Freunde" in der Geschäftsleitung zu kritisieren oder sogar zu feuern und nahm dafür den Niedergang des ganzen Unternehmens in Kauf? Gab es Absprachen, von denen wir alle nichts wissen? Hatte oder hat die Geschäftsleitung der WELEDA Macht und Einfluss über den Vorstand bzw. den Verwaltungsrat? Gab es "graue Eminenzen", die den Vorstand beeinflusst haben? ...???
Ich möchte betonen und unterstreichen, dass ich froh und glücklich bin, dass endlich diese Schritte gegangen worden sind, dass mir klar ist, dass es für die handelnden Personen - also inbesondere Paul Mackay - nicht einfach gewesen ist, dies zu tun - und doch stellt sich die Frage, warum gerade jetzt? War es der Druck aus der Ärzteschaft? Waren es die endgültige und langfristige Absenz von Dividenden aus der WELEDA? War es der Druck der Aktionäre bzw. der Inhaber von Partizipationsscheinen (denn da gibt es ja noch einen nicht-anthroposophischen Großaktionär, die Albin Kistler AG)? Oder war es einfach die Erkenntnis, dass die eigene (finanzielle) Grundlage, die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, kurz vor der Insolvenz steht - denn dass es 2011 so viele "Legate" (also Hinterlassenschaften gestorbener Anthroposophen zu Gunsten der Anthroposophischen Gesellschaft) geben würde, war ja nicht vorauszusehen?
Neben diesen Fragen, die vielleicht eines Tages die Historiker beschäftigen werden, stellt sich dann die aktuelle Frage, warum es Paul Mackay als Sprecher des Vorstandes und des Verwaltungsrates nötig hat, die Historie so "selektiv" darzustellen wie er es in dem Interview und auch während der Generalversammlung tat und warum er es nicht über sich gebracht hat darauf hinzuweisen, dass da langjährige Versäumnisse des Vorstandes und des Verwaltungsrates vorliegen, die jetzt endlich behoben werden.
Was wäre geschehen, wenn Paul Mackay auf der Generalversammlung und auch in der Außendarstellung die historisch richtige Wahrheit ausgesprochen hätte und auch Hinweise darauf gegeben hätte, was den Vorstand bewogen hat, so lange Zeit dem Niedergang der WELEDA so tatenlos zuzusehen? Und auch, was ihn bewogen hat, genau jetzt zu handeln? 
Ich persönlich finde es schade, dass er diesen Mut nicht aufgebracht hat!
Nachtrag: es geht mir hier nicht um Schuldzuweisung oder Rechtfertigung nach dem Motto "seht mal, das hab ich doch schon seit vielen Jahren gesagt", sondern es geht mir darum dass ich überzeugt davon bin, dass wir es dem Erbe Rudolf Steiners schuldig sind, umfassende Zusammenhänge auch umfassend, klar, deutlich und wahrhaftig darzustellen und dass es dem Anspruch der Anthroposophie und ihres Vorstandes widerstrebt, durch selektives Weglassen von Tatsachen Versäumnisse und Fehler beschönigen zu wollen - denn jeder Mensch der handelt läuft Gefahr, Fehler zu machen, nur wer nicht handelt kann keine Fehler machen. Außerdem bin ich überzeugt, dass die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft ihrem Vorstand auch Fehler zugestehen und nicht den Anspruch haben, dass dieser "unfehlbar" ist.

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