Das Durchschnittsalter im Goetheanum-Saal betrug geschätzt 60+ und die Reaktionen des Publikums auf die Ausführungen des Vorstandes waren entsprechend gedämpft.
Da die Teilnehmer ja nichts von den Informationen über WELEDA wissen konnten - wenn Sie nicht Info3-Leser sind - verteilte ich vor Beginn des Nachmittagsprogramms Handzettel mit der "nicht-euphemistischen" Darstellung des Partizipationsschein-Verkaufs und einiger weiterer Details.
Interessant war, dass - zufällig?? - nach der Mittagspause, als der Finanzbericht behandelt und das Budget vorgestellt werden sollte, die Mikrofone für die Übersetzer ausfielen, was eine Verzögerung von ca. 15 Minuten bewirkte - 15 Minuten weniger unangenehme Fragen für den Schatzmeister???
Jedenfalls wurde ich an der Darstellung meines Redebeitrages von Herrn Paul Mackay gehindert, er wollte mich sogar vom Podium drängen - obwohl ich erst einige Sekunden gesprochen hatte!
Hier also mein Redebeitrag - wie er hätte sein sollen - in ungekürzter und ungestörter Fassung:
Herr Pietzner, Sie beklagen sich über die Abhängigkeit der Goetheanum-Finanzierung von den Spenden und Legaten und darüber, dass die Finanzierung des Goetheanums und seiner Tätgkeit zunehmend schwieriger wird.
Das Goetheanum ist eine Institution des Geisteslebens, und es ist Grundwissen der Dreigliederung, dass eine Institution des Geisteslebens keine Gewinne erzielen kann und soll, sondern aus der Wirtschaft finanziert werden muss. Zuverlässige Einnahmen können also weder aus dem versteuerten Einkommen der Mitglieder in Form von Spenden noch aus Nachlässen generiert werden (auch alte Menschen haben immer weniger Geld und damit auch weniger zu vererben, und vielleicht wird ein Nachlass für wichtigere Dinge benötigt als zum Stopfen des Goetheanumhaushalts), sondern nur aus der Wirtschaft.
Deshalb ist die Beteiligung der AAG an der WELEDA auch richtig und sinnvoll unter der Voraussetzung, dass die WELEDA signifikant zur Deckung des Goetheanumhaushalts beiträgt - nur von signifikanten Beiträgen der WELEDA zum Goetheanumhaushalt sind leider weder in dem Finanzbericht noch im Budget auch nur Spuren zu finden. Wenn keine Einnahmen generiert werden, ist die Beteiligung der AAG und das Aufwenden von Finanzmitteln zum Erwerb von Partizipationsscheinen weder notwendig noch sinnvoll, denn der (teilweise) Besitz einer Firma ist für eine Institution des Geisteslebens kein Selbstzweck an sich.
Wenn Sie, liebe Mitglieder, im Internet unter www.zefix.ch nachsehen, können Sie finden, dass die zeichnungsberechtigten Mitglieder des Verwaltungsrats der WELEDA fast ausschließlich Mitglieder der Geschäftsleitung sind. Von unseren - also der AAG - Vertretern keine Spur. Warum hält die AAG denn 38% der Stimmrechtsaktien, wenn sie ihr Aufsichtsrecht und ihre Aufsichtspflicht nicht ausübt? Wer vertritt unsere - also AAG- - Interessen im Verwaltungsrat der WELEDA?
Dass sich der Vorstand der AAG zur Komplettierung ko-optiert, d.h. neue Mitglieder in den Vorstand einläd, ist die Freiheit des Geisteslebens und für eine Institution des Geisteslebens gut und sinnvoll. Dass aber auch die Geschäftsführung der WELEDA ko-optiert wird, ist "Freiheit im Wirtschaftsleben", auf gut Deutsch "Korruption" genannt. Dies sollte Aufgabe eines Verwaltungsrates sein, der von den Eigentümern bzw. Aktionären gebildet wird.
Die WELEDA AG hat in den letzten Jahrzehnten nur minimale Gewinne bzw. sogar Verluste erwirtschaftet und konnte so ausser durch die relativ geringen Dividendenzahlungen keine signifikanten Beiträge zum Haushalt der AAG leisten. Wer übernimmt denn die Verantwortung dafür, wenn die AAG keinen Einfluss im Verwaltungsrat hat? Wer übernimmt die Verantwortung dafür, dass WELEDA im boomenden Markt der Naturkosmetik schon lange nicht mehr Marktführer ist? Wer übernimmt die Verantwortung dafür, dass in der WELEDA Bilanz 2006 sich das Eigenkapital um 1 % verringert hat, dafür aber die Verwaltungskosten um 10% gestiegen sind? Jeder Aktionär würde bei einer solchen Bilanz die Neubesetzung der Geschäftsführung fordern - was tun Sie als Schatzmeister des Mehrheitsaktionärs AAG, dass dies nicht wieder vorkommt?
Ich habe Ihrem Vorgänger im Amt, Herrn Rolf Kerler, (der hier im Saal und als Präsident im Verwaltungsrat der WELEDA sitzt - als Dankeschön für sein Nichtstun?), und auch Ihnen zu Beginn Ihrer Täigkeit als Schatzmeister detailliert dargelegt, welche personellen, organisatorischen und strukturellen Defizite bei der WELEDA herrschen und ursächlich für die schlechten Betriebsergebnisse sind. Geschehen ist seitdem - NICHTS! Personen, Strukturen und Organisationsformen der WELEDA sind immer noch so wie vor 7 Jahren. Was denken Sie denn zu tun, da jetzt mit der letzten ultimativen Partizipationsschein-Ausgabe alle Möglichkeiten der externen Geldbeschaffung ausgereizt sind, damit WELEDA nicht insolvent wird wenn das neue Geld aufgebraucht ist? Was gedenken Sie zu tun um die Renditeerwartungen der Albin-Kistler-AG zu befriedigen?
Ich sehe mich jedenfalls aussersstande - trotz Würdigung der inhaltlichen Arbeit - einen Vorstand zu entlasten, der seiner Aufsichtspflicht als Mehrheitsaktionär der einzig möglichen permanenten Finanzquelle unserer Gesellschaft so sträflich vernachlässigt, und ich bitte alle Mitglieder, meinem Beispiel zu folgen.
Leider wurde - was angesichts des Durschnittsalters und der "blinden Treue" der Mitglieder zu "Ihrem" Vorstand auch zu erwarten war - der Vorstand natürlich mit überwältigender Mehrheit entlastet.
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