Sonntag, 12. Mai 2013

Wann ist ein starkes ICH zu viel ICH?


In den "Nachrichten für Mitglieder" erschien der folgende Beitrag:


Zur Wahl von Joan Sleigh in den Vorstand der AAG


Bei der Generalversammlung wurde Joan Sleigh mit großer Mehrheit bei 2 Neinstimmen und 6 Enthaltungen in den Vorstand gewählt.
Eine der Neinstimmen gehörte mir. Warum?
Ich kann versichern, dass ich keinerlei persönliche Vorbehalte gegen Joan Sleigh habe. Ich bin auch überzeugt, dass sie eine sehr tüchtige und willensstarke Person ist und im Rahmen des jetzigen Vorstandes ihre Aufgaben erfüllen wird. So wie sie sich selbst auch am Tag nach der Wahl vorstellte: „Joan Sleigh, Vorstand.“
Warum trotzdem mein „Nein“?
Es lag an der Präsentation all der Gründe, die den Vorstand bewegten, Joan Sleigh zu kooptieren. Und an der Art, wie sie selbst sich präsentierte als das, „was mich ausmacht.“ Dass sie Südafrika und Europa verbinden kann. Dass sie durch ihre Herkunft als Enkelin von Karl König mit der Camphill-Bewegung und als Tochter eines Priesters mit der Strömung der Christengemeinschaft verbunden ist. Dass sie Qualitäten von Tieren Südafrikas repräsentiert. Und Mutter ist – ein Novum im Vorstand.
Genügt das? Genügt es, Kontinenten zuzugehören, Strömungen anzugehören, Tochter zu sein, Mutter zu sein?
Mir war zu wenig „ICH“ anwesend. Zu wenig Anthroposophie, die im ICH ergriffen war, durch das ICH sprach. Keine Initiative für die zukünftige Gestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft. Und das hat mich zutiefst nachdenklich gemacht.
Nun hat bekanntlich auch Rudolf Steiner im Urvorstand Persönlichkeiten gewählt, die bestimmte Strömungen repräsentieren konnten. Doch ging es hier um karmische Strömungen, die im jeweiligen ICH anwesend waren. Ist das nicht gerade das Gegenteil davon, einem bestimmten Land oder Kontinent anzugehören?
Der ergreifendste Moment der Mitgliederversammlung war, als Bodo von Plato von seinem Verhältnis zu Sergej Prokofieff sprach. Man konnte ahnen, dass hier schicksalsmäßig eine Polarität bestand, die zu einer Steigerung hätte führen sollen und kann nur bestürzt darüber sein, dass dies (noch?) nicht gelang. Wird nun, nach dem Ausscheiden Prokofieffs, statt Steigerung „Harmonie“ walten? Harmonie, die nicht aus der gesteigerten Polarität errungen werden muss, sondern dadurch besteht, dass es gar keine Vertreter ICH-hafter Strömungen im Vorstand gibt? Dafür aber harmonische Repräsentanten von Erdteilen?

Ich nehme dies als Anlass, auf das "Ich" und seine Bedeutung einzugehen, vor allem im Bezug auf die Arbeit in verantwortlicher Position:

Sehr geehrter Herr ...
Wir sind uns noch nicht bewusst begegnet, doch fordert mich Ihr Beitrag auf darzustellen, warum ich gerade die Vorstellung von Joan Sleigh als Wohltat empfand. Es ist doch ein großer Unterschied zwischen einem Künstler (wie Sie dies ja sind) und einem Vorstand eines Vereins, vor allem wenn dieser Verein die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft ist und die Aufgaben erfüllen muss, die der AAG in dieser Zeit gegeben sind.
Während ein Künstler aus SEINEM ICH heraus SEIN Werk schafft, muss ein Vorstand sich selbst zurücknehmen und Wahrnehmungsorgan werden, welche Aufgaben die NOTWENIGKEIT ihm stellt und welche Handlungen zum bestmöglichen Erfüllen dieser Aufgaben notwendig sind.
Die Hauptursache der ganzen Misere in der AAG und der WELEDA ist doch genau, dass zu viele ICHe die Notwendigkeiten nicht erkannt oder diese zugunsten der Präsentation des eigenen ICHs geflissentlich übersehen haben.
An den Gegensätzen der ICHe von Bodo von Plato und Sergej Prokofieff wird dies deutlich, beide sind in erster Linie ICH und erst in zweiter Linie Vorstand. Dies zeigt sich z.B. an der Antwort von Bodo von Plato auf die Frage von Tatiana Garcia-Cuerca nach dem Gegensatz zwischen ihm und Sergej Prokofieff, bei der er die Ursachen in der „unterschiedlichen Sozialisation“ und der „Konfliktscheu“ der Elternhäuser sucht – dabei ist es doch die erste Aufgabe der Ich-Entwicklung, frei von den Einschränkungen seines Elternhauses zu werden. Es sind also große ICHe, die aber noch in den Beschränkungen des Elternhauses verhaftet sind – mit allen Konsequenzen.
Oder nehmen Sie das Beispiel der WELEDA. Die dort lange Zeit führenden Managementpersonen waren so groß ICH, dass sie die Mitarbeiter kaum gesehen haben. Sie waren so von ihrem ICH überzeugt, dass sie jede Kritik, jeden konstruktiven Vorschlag der nicht von ihnen selbst kam, als Angriff darauf empfanden und mit der Ausübung ihrer Macht (z.B. durch Degradierung, Ausschluss von Informationen, Kündigung der kritisierenden Personen) begegneten – mit dem bekannten Ergebnis, dass die WELEDA sehenden Auges jahrzehntelang ins Verderben driftete. Der Kontrast des jetzigen Managements, das sein „Ich“ zurücknimmt zugunsten der großen Aufgabe, die vor ihm steht, wird deshalb von allen Mitarbeitenden als Wohltat empfunden.
Ebenso ist es doch mit den Verantwortlichen im Goetheanum. Ein Vorstandsmitglied, das öffentlich verkündet dass „auf einmal“ klar wurde, dass die WELEDA in Nöten ist und Handlungsbedarf besteht, obwohl dies ihm nachweislich schon fast ein Jahrzehnt bekannt war – handelt dieses Vorstandsmitglied im Interesse der Sache oder im Interesse seines ICHs, dem es unmöglich ist einen Fehler zuzugeben? Was bewegt einen Verantwortlichen für so wichtige „juristische Personen“ wie es die WELEDA und die AAG sind, die Nöte und objektiven Bedürfnisse dieser notleidenden „Institutionen“ so zu ignorieren?
Kurz, ich bin sehr froh, dass im Vorstand nicht ein weiteres „großes Ich“ sitzt sondern eine Frau, der ich zutraue, mit ihrer starken und überzeugenden Persönlichkeit selbstlos, aber in vollem Ich-Bewusstsein, nach bestem Wissen und Gewissen die notwendigen Aufgaben zu ergreifen.
Ein Vorstand muss in erster Linie dazu fähig sein, sein ICH in den Dienst der Aufgaben zu stellen, statt es überall öffentlich auszubreiten.

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